Kleine Zeitung Bericht 20262026-02-15T18:19:04+01:00

Plötz­lich werde ich von hin­ten gepackt, meine Arme am Ober­kör­per fixiert, kurz­zei­tig hilf­los. Dann lasse ich mich fal­len. Wie ein nas­ser Sack, um mei­nen Angrei­fer zu ver­wir­ren, den ich im Moment noch gar nicht sehen, son­dern nur spü­ren kann. Ich nütze den Über­ra­schungs­mo­ment, packe mit einer Hand sei­nen Arm und ver­setze ihm mit der ande­ren einen Schlag in die Lei­sten­ge­gend. Schnell sein ist jetzt die Devise, den kur­zen Moment der Über­hand muss ich nut­zen, mich aus dem Griff zu dre­hen – mein Arm schnellt gegen den Kopf des Angrei­fers. Das gibt mir genug Zeit, um zu flüch­ten.

Bedro­hung und Gefahr wer­den im Turn­saal der Gra­zer Schul­schwe­stern zu einer Lern­si­tua­tion. Denn hier leh­ren Mar­kus Seme und sein Team des Ver­eins Krav Maga Graz in einem siche­ren Umfeld, wie sich sowohl Frauen als auch Män­ner in Gefah­rensi­tua­tio­nen zur Wehr set­zen kön­nen.

Die unbe­kannte Per­son, die meine Arme an mei­nem Kör­per fixierte, ist Lisa Jarak-Hirsch­böck, sie ist meine Trai­nings­part­ne­rin. „Anders als beim klas­si­schen Kampfs­port kämpft man beim Krav Maga grund­sätz­lich regel­los“, erklärt Seme, der seit sei­ner Kind­heit Kampfs­port betreibt. Was er beto­nen will: „Im Krav Maga geht es nicht darum, den Geg­ner kampf­un­fä­hig zu machen, son­dern die eigene Gesund­heit durch Selbst­wehr zu schüt­zen.“

Eine Gän­se­haut stellt sich bei der Vor­stel­lung ein, die­ses Hor­rors­ze­na­rio könnte irgend­wann der Rea­li­tät ent­spre­chen. Irra­tio­nal ist die Angst nicht – in einer Gesell­schaft, in der Gewalt und Über­griffe mit besorg­nis­er­re­gen­der Häu­fig­keit gesche­hen und Belä­sti­gung für viele Frauen keine Unbe­kannte ist. Laut Sta­ti­stik Austria waren 22 Pro­zent der Frauen in Öster­reich bereits mit Stal­king kon­fron­tiert, 15 Pro­zent wur­den schon ein­mal Gewalt ange­droht. Ins­ge­samt hat jede dritte Frau in ihrem Leben schon ein­mal Gewalt erfah­ren.

Bevor wir also selbst unsere Schlag­kraft erpro­ben dür­fen, braucht es eine sta­bile Basis – wort­wört­lich. Brei­ter Stand, die Arme nah am Kör­per, die Hände schüt­zend vor dem Gesicht. „Vor, rechts, rück, links.“Was als Tän­zeln anmu­tet, hat System. Der breite Stand darf nie ver­lo­ren gehen. Näch­ster Punkt in der „Schritt­schule“: Ver­trauen in sich selbst. Mit geschlos­se­nen Augen bewe­gen wir uns durch den Raum, nur Semes Kom­man­dos sind zu hören. Beim ersten Mal zucke ich zusam­men, als seine volle Stimme Anwei­sun­gen durch den Turn­saal don­nert – mit dem plötz­lich erhöh­ten Laut­stär­kep­egel habe ich nicht gerech­net.

Anders als beim klas­si­schen Kampfs­port kämpft man beim Krav Maga grund­sätz­lich regel­los.

Markus Seme, Schulleiter

Auch nicht, als wir die Übung eine Stunde spä­ter mit einer Angriffs­si­tua­tion kop­peln. Der Auf­trag: Trai­nings­part­ner bewe­gen sich wie ein Satel­lit um die anzu­grei­fende Per­son. Auf Semes Kom­mando muss ich meine Augen öff­nen und mich in die Basis­hal­tung bege­ben, ehe ich meine Trai­nings­part­ne­rin angrei­fen darf, die – aus­ge­stat­tet mit einer Schlag­pratze – wenige Meter ent­fernt steht. Als ich das zweite Mal die Augen öffne, habe ich plötz­lich zwei Hände wenige Zen­ti­me­ter vor mei­nem Gesicht. Seme hat sich ange­schli­chen, will mich damit aus dem Kon­zept brin­gen. Ich habe recht­zei­tig die Schutz­hal­tung ein­ge­nom­men. „Sehr gut“, ist er zufrie­den.

Auch durch die „Schlag­schule“wer­den wir geschickt, als ich mich das erste Mal traue, die Pratze mit vol­ler Wucht zu attackie­ren, macht sich ein befrei­en­des, nahezu berau­schen­des Gefühl in mir breit. „Ich bin nicht wehr­los“, denke ich mir. „Wir sind nicht wehr­los.“

Dass Selbst­ver­tei­di­gung für Frauen ver­mehrt zum Thema wird, merkt das Team. Inzwi­schen bie­tet der Ver­ein einen eige­nen Kurs für Frauen an. An drei Sams­ta­gen wer­den Frauen Krav-Maga­Grund­la­gen gelehrt.

Schritt­schule, Schlag- und Ver­tei­di­gungs­tech­ni­ken, in der drit­ten Ein­heit müs­sen die Teil­nehmer:in­nen eine Art Par­cours absol­vie­ren, der eine Gefah­rensi­tua­tion im rea­len Leben simu­liert. „Dabei bauen wir Sta­tio­nen mit unter­schied­li­chen Sze­na­rien auf, unsere Instruk­to­ren sind die Angrei­fen­den“, so Seme.

Der Andrang sei immens, so Seme. „Wir müs­sen jedes Mal einen Auf­nah­me­stopp ver­hän­gen.“Der Bedarf macht ihn gleich­sam trau­rig. „Da schämt man sich als Mann wirk­lich, zu wis­sen, dass Frauen wegen des Ver­hal­tens unse­res Geschlechts zu die­sen Kur­sen kom­men.“Die Geschich­ten, die Frauen ihm schon anver­traut haben, seien bestür­zend.

Am 11. April star­tet der näch­ste Frau­en­kurs (Anmel­dung: www.krav­ma­ga­graz.at). Eine Beob­ach­tung, die Seme am Ende der Ein­heit noch teilt: „Wir mer­ken schon nach einer Ein­heit, dass die Frauen anders hin­aus­ge­hen, als sie her­ein­ge­kom­men sind.“Das kann ich bestä­ti­gen. Als ich den Turn­saal in die Fin­ster­nis ver­lasse, kommt mir erneut der Gedanke: „Ich bin nicht wehr­los, wir sind nicht wehr­los.“

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