Kurse in Krav Maga erfreuen sich bei Frauen immer größerer Beliebtheit.
Motivator: Die Angst vor Übergriffen.
Motivator: Die Angst vor Übergriffen.
Kleine Zeitung
15 Feb. 2026
Plötzlich werde ich von hinten gepackt, meine Arme am Oberkörper fixiert, kurzzeitig hilflos. Dann lasse ich mich fallen. Wie ein nasser Sack, um meinen Angreifer zu verwirren, den ich im Moment noch gar nicht sehen, sondern nur spüren kann. Ich nütze den Überraschungsmoment, packe mit einer Hand seinen Arm und versetze ihm mit der anderen einen Schlag in die Leistengegend. Schnell sein ist jetzt die Devise, den kurzen Moment der Überhand muss ich nutzen, mich aus dem Griff zu drehen – mein Arm schnellt gegen den Kopf des Angreifers. Das gibt mir genug Zeit, um zu flüchten.

Bedrohung und Gefahr werden im Turnsaal der Grazer Schulschwestern zu einer Lernsituation. Denn hier lehren Markus Seme und sein Team des Vereins Krav Maga Graz in einem sicheren Umfeld, wie sich sowohl Frauen als auch Männer in Gefahrensituationen zur Wehr setzen können.
Die unbekannte Person, die meine Arme an meinem Körper fixierte, ist Lisa Jarak-Hirschböck, sie ist meine Trainingspartnerin. „Anders als beim klassischen Kampfsport kämpft man beim Krav Maga grundsätzlich regellos“, erklärt Seme, der seit seiner Kindheit Kampfsport betreibt. Was er betonen will: „Im Krav Maga geht es nicht darum, den Gegner kampfunfähig zu machen, sondern die eigene Gesundheit durch Selbstwehr zu schützen.“
Eine Gänsehaut stellt sich bei der Vorstellung ein, dieses Horrorszenario könnte irgendwann der Realität entsprechen. Irrational ist die Angst nicht – in einer Gesellschaft, in der Gewalt und Übergriffe mit besorgniserregender Häufigkeit geschehen und Belästigung für viele Frauen keine Unbekannte ist. Laut Statistik Austria waren 22 Prozent der Frauen in Österreich bereits mit Stalking konfrontiert, 15 Prozent wurden schon einmal Gewalt angedroht. Insgesamt hat jede dritte Frau in ihrem Leben schon einmal Gewalt erfahren.
Bevor wir also selbst unsere Schlagkraft erproben dürfen, braucht es eine stabile Basis – wortwörtlich. Breiter Stand, die Arme nah am Körper, die Hände schützend vor dem Gesicht. „Vor, rechts, rück, links.“Was als Tänzeln anmutet, hat System. Der breite Stand darf nie verloren gehen. Nächster Punkt in der „Schrittschule“: Vertrauen in sich selbst. Mit geschlossenen Augen bewegen wir uns durch den Raum, nur Semes Kommandos sind zu hören. Beim ersten Mal zucke ich zusammen, als seine volle Stimme Anweisungen durch den Turnsaal donnert – mit dem plötzlich erhöhten Lautstärkepegel habe ich nicht gerechnet.
Anders als beim klassischen Kampfsport kämpft man beim Krav Maga grundsätzlich regellos.
Auch nicht, als wir die Übung eine Stunde später mit einer Angriffssituation koppeln. Der Auftrag: Trainingspartner bewegen sich wie ein Satellit um die anzugreifende Person. Auf Semes Kommando muss ich meine Augen öffnen und mich in die Basishaltung begeben, ehe ich meine Trainingspartnerin angreifen darf, die – ausgestattet mit einer Schlagpratze – wenige Meter entfernt steht. Als ich das zweite Mal die Augen öffne, habe ich plötzlich zwei Hände wenige Zentimeter vor meinem Gesicht. Seme hat sich angeschlichen, will mich damit aus dem Konzept bringen. Ich habe rechtzeitig die Schutzhaltung eingenommen. „Sehr gut“, ist er zufrieden.
Auch durch die „Schlagschule“werden wir geschickt, als ich mich das erste Mal traue, die Pratze mit voller Wucht zu attackieren, macht sich ein befreiendes, nahezu berauschendes Gefühl in mir breit. „Ich bin nicht wehrlos“, denke ich mir. „Wir sind nicht wehrlos.“
Dass Selbstverteidigung für Frauen vermehrt zum Thema wird, merkt das Team. Inzwischen bietet der Verein einen eigenen Kurs für Frauen an. An drei Samstagen werden Frauen Krav-MagaGrundlagen gelehrt.

Schrittschule, Schlag- und Verteidigungstechniken, in der dritten Einheit müssen die Teilnehmer:innen eine Art Parcours absolvieren, der eine Gefahrensituation im realen Leben simuliert. „Dabei bauen wir Stationen mit unterschiedlichen Szenarien auf, unsere Instruktoren sind die Angreifenden“, so Seme.
Der Andrang sei immens, so Seme. „Wir müssen jedes Mal einen Aufnahmestopp verhängen.“Der Bedarf macht ihn gleichsam traurig. „Da schämt man sich als Mann wirklich, zu wissen, dass Frauen wegen des Verhaltens unseres Geschlechts zu diesen Kursen kommen.“Die Geschichten, die Frauen ihm schon anvertraut haben, seien bestürzend.
Am 11. April startet der nächste Frauenkurs (Anmeldung: www.kravmagagraz.at). Eine Beobachtung, die Seme am Ende der Einheit noch teilt: „Wir merken schon nach einer Einheit, dass die Frauen anders hinausgehen, als sie hereingekommen sind.“Das kann ich bestätigen. Als ich den Turnsaal in die Finsternis verlasse, kommt mir erneut der Gedanke: „Ich bin nicht wehrlos, wir sind nicht wehrlos.“

